10 Jahre Langzeitstudie über Berliner Schulbibliotheken

(Zusammenfassung des Artikels von Karsten Schuldt aus LIBREAS #31)

Im Rahmen seiner Magisterarbeit hatte Karsten Schuldt bereits 2006 die Berliner Schulbibliotheken untersucht. 2008 begann er ein Projekt, in dem er über 10 Jahre hinweg kontinuierlich Daten über Schulbibliotheken sammeln und auswerten wollte. Ziel war es, die Entwicklung dokumentieren zu können und Aussagen darüber machen zu können, warum Schulbibliotheken eingerichtet werde und warum sie geschlossen werden. Grundsätzlich zeigen laut Karsten Schuldt die Daten, dass Schulbibliotheken sich sehr eng an den Kontext in ihrer jeweiligen Schule anlehnen und damit – im Verglich zum übrigen öffentlichen Bibliothekswesen – ein gewisses Eigenleben führen.[i] Um die Daten für diese Studie zu erheben, wurde eine kontinuierliche Schulbibliotheksstatistik im Zeitraum 2008-2017 erhoben. Dazu wurden aber keine Umfragen an die Schulen gerichtet, sondern die Homepages der Schulen untersucht und die Selbstdarstellungen der Schulbibliotheken herangezogen.[ii] Karsten Schuldt vermutet, dass „Schulbibliotheken, die eine Rolle im Schulalltag spielen, auf diesen Homepages genau deshalb dargestellt werden. Sind sie nur existent, ohne eine Rolle im Schulalltag zu spielen, werden sie wohl auch nicht nach aussen präsentiert.“[iii]

These 1: Schulen mit Schulbibliotheken werden in Berlin auch in Zukunft in der Minderheit bleiben.

These 2: In Bezug auf Schulbibliotheken bleiben die Gymnasien den anderen Schulen mit Sekundarstufen gegenüber überausgestattet.

Die bisherigen Untersuchungen aus 2006 haben gezeigt, dass deutlich mehr Gymnasien mit Schulbibliotheken ausgestattet sind, als Gesamt-, Haupt- oder Realschulen. Aber selbst nur 24,6 % der Gymnasien hatten bei der Umfrage Schulbibliotheken angegeben. Damit waren die Schulen mit Schulbibliotheken deutlich in der Minderheit. Es liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier nicht um ein zufälliges Ergebnis handelt, sondern dass es dafür strukturelle Gründe gibt und das Ergebnis reproduzierbar sein wird.[iv]

Ergebnis: Wenn die Minderheit bei weniger als 50% angesiedelt wird, bestätigt sich diese These. 17,40 % der Schulen haben 2008 Schulbibliotheken, 2017 sind es 35,9 % – aber damit nach wie vor in der Minderheit aller Schulen. Dabei haben 2008 19,7 % und 2017 38,4 % der Gymnasien eine Schulbibliothek. [v] Wobei nach Schuldt ein gewisser Sättigungsgrad bei den Neugründungen von Schulbibliotheken insgesamt der Fall zu erkennen ist.

These 3: Die Schulstrukturreform wird kurzfristig zu einem Anstieg der Zahl von Schulbibliotheken führen, die mittelfristig wieder auf das Niveau vor der Reform sinken wird.

These 3a: Dies wird insbesondere für die neu geschaffene Schulform Integrierte Sekundarschule gelten.

Massive Veränderungen in der Berliner Schullandschaft in den vergangenen Jahren könnten zu einer Zunahme der Neugründungen von Schulbibliotheken führen. Trotzdem bleibt zu erwarten, dass die Gymnasien deutlich überrepräsentiert bleiben werden.

Ergebnis: „Zwischen 2008 und 2012 hat sich die Zahl der Schulen mit Schulbibliotheken in Berlin massiv erhöht. […] Allerdings ist die Zahl seitdem nicht mehr massiv gesunken, sondern verblieb auf diesem Niveau von ungefähr einem Drittel der Schulen.“[vi]

These 4: Die Bibliotheken in Schulen werden weiterhin hauptsächlich als „Lesebibliotheken“ verstanden und genutzt.

Seit den 70er Jahren werden Schulbibliotheken als multifunktionale Räume mit unterschiedlichsten Aufgaben beschrieben. Die Schulbibliotheken aber, die 2006 eine professionelle bibliothekarische Betreuung hatten, wurden vorrangig als Ort der Leseförderung verstanden.[vii]

Ergebnis: Bezogen auf die 2010 erstellten Modelle (Schulbibliotheken 1. als Ort des guten Unterrichts, 2. als Lese-Lern-Raum, 3. als Offene Lernräume, 4. als schulfreie Räume in Schulen und 5. als kleine Stadtteilbibliotheken) gleichen die Ergebnisse denen aus 2006. „Schulen orientieren sich nicht an bibliothekarischen Modellen […] sondern verstehen Schulbibliotheken vor allem als Orte des Lesens, des freien Lernens und der Freizeitgestaltung.“[viii]

These 5: Der Großteil der Schulbibliotheken in Berlin wird diskontinuierlich betrieben.

Es wurden 2006 kaum Schulen gefunden, die als Zweigstellen von öffentlichen Bibliotheken gelten konnten. Die in der Schulbibliothek Tätigen waren bunt gemischt (von Eltern über Schüler bis hin zu Ehrenamtlichen und Lehrkräften) und die Betreuung der Schulbibliothek oft vom Engagement Einzelner abhängig. Damit waren aber auch die Gründe vielfältig, warum bei MitarbeiterInnen in Schulbibliotheken oftmals eine große Fluktuation herrscht. Diese fehlende Kontinuität macht Schuldt für das ebenfalls fehlende Netzwerk und gemeinsame professionelle Weiterentwicklung von Schulbibliotheken verantwortlich. [ix]

Ergebnis: Eine Schulbibliothek wurde dann als „kontinuierlich betrieben“ bezeichnet, wenn sie mehr als 3 Jahre hintereinander und 2017 noch in Betrieb war. Das traf knapp auf 50 % plus 1 Schulbibliothek der Berliner Schulbibliotheken zu.[x]

These 6: Die neue Literatur zu Schulbibliotheken, die Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg sowie die Stelle für schulbibliothekarische Arbeit in Treptow-Köpenik werden sich in einer steigenden Anzahl von Schulbibliotheken in Berlin sowie in Schulbibliotheken, die sich eher am „bibliothekarischen Modell“ orientieren, niederschlagen.

Innerhalb einer relativ kurzen Zeit waren gleich mehrere Fachbücher zum Thema Schulbibliothek erschienen. (vgl. auch https://zwischenseiten.com/2015/01/10/kirmse-renate-schulbibliothek/ + https://zwischenseiten.com/2013/02/12/holderried-lucke-hrsg-handbuch-schulbibliothek/ https://zwischenseiten.com/category/fachliteraturtipps/page/6/ + https://zwischenseiten.com/category/fachliteraturtipps/page/3/ ) 2010 wurde die Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Berlin gegründet, 2012 eine feste Stelle für schulbibliothekarische Arbeit geschaffen. Dies könnte zu einer vermehrten Gründung von Schulbibliotheken führen.

Ergebnis: Es „lässt sich festhalten, dass die Ereignisse keinen sichtbaren Einfluss auf die Zahl der Schulbibliotheken hatten, weder kurz- noch mittelfristig. Einzig die Gründung der Arbeitsgemeinschaft im Jahre 2010 scheint mit dem Anstieg der Zahl von Schulbibliotheken in Verbindung zu stehen.“[xi] Vielleicht haben aber auch die vielen Neugründungen anders herum zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft geführt.

Anregungen für die Diskussion:

In wieweit lassen sich bibliothekarische Gedanken und Strukturen wirklich auf Schulbibliotheken übertragen? Müssen Schulbibliotheken als eigenständige Bibliotheksformen (und nicht als Sonderform der öffentlichen Bibliotheken) gesehen werden, die auch mit anderen Maßstäben betrachtet und gemessen werden müssen? Sehen Schulbibliotheken, die komplett aus der Sichtweise der Schulen gedacht werden, anders aus? Das Interesse der Schulen an Schulbibliotheken ist groß aber die Schulen haben andere Erwartungen und andere Vorstellungen, wie IHRE Schulbibliothek aussehen soll. Und welchen Einfluss und Nutzen haben Schulbibliotheken auf die Lernbiografien der SchülerInnen und auf das schulische Leben?

[i] Schuldt, Karsten: „Vom Werden und Vergehen der Bibliotheken in Berliner Schulen. Die Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin 2008-2017 und Konsequenzen für Forschung und Bibliothekspolitik“ in: Libreas. Libreas Ideas, 31 (2017) Download unter: http://libreas.eu/ausgabe31/inhalt/ abgerufen am 3.8.2017, S. 2
[ii] ebd. S. 7
[iii] ebd. S. 9
[iv] ebd. S. 3
[v] ebd. S. 12
[vi] ebd. S. 18
[vii] ebd. S. 5
[viii] ebd. S. 19
[ix] ebd. S. 6
[x] ebd. S. 20
[xi] ebd. S. 20

Download der Online-Zeitschrift LIBREAS: http://libreas.eu/ausgabe31/inhalt/
Direkt zum Artikel von Karsten Schuldt: http://libreas.eu/ausgabe31/schuldt/master.pdf

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