Das Internet ist nicht schuldfähig und hat kein Gewissen

Internet 001Angeregt durch einen Artikel von Gerhard E. Ortner: „Das Internet weiß nicht, was es alles weiß“ in der Zeitschrift L.A. Multimedia. 2/2014, S. 48-49 (Magazin für Didaktik und digitale Medien) http://www.lamultimedia.de/ :

„Ich gestehe: Ich liebe das Internet.“ schreibt Ortner – und vergleicht das Abschalten oder Verweigern der digitalen Informationen mit einem Verbrechen gegen die Menschenrechte.

In der Diskussion über das Recht auf Informationsfreiheit ist ein Ruck durch das Bibliothekswesen gegangen, seit es Internet gibt. Früher waren die Bibliotheken die Hüter,Bewahrer und Vermittler von Information – Bibliothekare wussten, wie man wo an welche Informationen gelangt. Es war eine Wissenschaft für sich und die Bibliothekare die Hüter und Türöffner.

Aber heute können die Menschen über das Internet selbst an diese Informationen gelangen – selbst in totalitären Systemen kann man sich immer öfter mit mobilen Geräten und auf trickreichen Wegen diese Informationen beschaffen, sie verbreiten – ob Wahrheit oder Lüge.

Die Bibliotheken haben den Status der „Alleinwisserschaft“ verloren und müssen sich in diesen digitalen Zeiten neu orientieren.

Wenn es gut läuft sind die Bibliothekare weiterhin die Informationsspezialisten, die helfen können, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, weil sie auch andere Quellen (auf Papier) kennen und vermitteln können (solange noch nicht alles digitalisiert und frei zugänglich ist). Und sie können diejenigen sein, die den Menschen zu der jetzt so wichtigen Informations- und Medienkompetenz verhelfen. Wenn sie den Sprung in das digitale Zeitalter schaffen und „up to date“ bleiben.

Was braucht es, damit es gut läuft?
Wie weit sind wir noch entfernt von dieser Vorstellung, wenn es Bibliotheken auf dem Lande gibt, die kein Internet haben, die kein WLAN anbieten, deren MitarbeiterInnen sich nicht mit der neuen Technik auskennen?

Offenheit und Neugier tut not!
Sicher kann man immer wieder nach Fortbildung rufen. Aber ist nicht wesentlich mehr erreicht, wenn man auch auf die Neugierde und den eigenen Nutzen setzt? Wenn die MitarbeiterInnen aus sich selbst heraus diese neue – digitale – Welt kennenlernen möchten, ihren Nutzen erkennen und Lust bekommen, anderen von den eigenen Entdeckungen zu berichten?

„Das Netz weiß nicht, was es speichert und verteilt, es weiß nicht einmal, dass es das tut, es weiß nicht, was es weiß, und schon gar nicht, ob es sich um Wahrheit oder Lüge handelt, es weiß nicht einmal, dass es etwas weiß.“ Damit spricht Ordner einen wichtigen Punkt an: Ich füge hinzu: Das Internet kann dann auch nicht schuldfähig sein, es kann auch kein Gewissen haben. Ein Gewissen können nur Menschen haben, die hinter dem Internet stecken und dieses nutzen – für gute oder böse Zwecke. Damit überschreitet man mal eben die Grenze zu Philosophie und entwickelt sehr spannende Fragestellungen dazu.

Mit seiner Aussage aber „Dem Internet geht es nicht anders als dem Telefon oder der Bibliothek, beide haben keine Ahnung, was sie für die Menschen bedeuten„ kann er (vor allem unter BibliothekarInnen) schnell missverstanden werden. Bibliotheken sind eben nicht nur Ansammlungen von Büchern (die er wohl meint – ein Buch an sich kann nur in spannenden Geschichten oder Filmen ein Eigenleben entwickeln, in unserer Realität hat es wohl kein eigenes Bewusstsein), sondern Orte der Begegnung. Bibliotheken sind immer auch Menschen – die sie benutzen oder die sie betreiben. Bibliotheken heute können bei weitem nicht mehr reduziert werden auf die Berge von Büchern (oder heute eben auch Medien, Dateien oder Datenbanken). (Öffentliche) Bibliotheken sind heute mehr denn je kulturelle Einrichtungen, die vor allem die Menschen im Blick haben.

„Eine ‚proaktive Internet-Bildung‘ – beispielsweise im Rahmen der Medienerziehung – könnte den Menschen helfen, die Informationen selbst auf ihre Verlässlichkeit zu prüfen“ fordert Ortner.

Es läuft gut, wenn Bibliotheken als Informations- und Medienkompetenzvermittler hierbei eine wichtige Rolle spielen werden.

(Prof. Dr. Dr. Gerhard E. Ortner ist Universitätsprofessor in Paderborn und Mitherausgeber der Zeitschrift L.A. Multimedia im Westermann-Verlag)

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