Brauchen wir einen MOOC für Bibliothekspädagogik?

Wenn BibliothekarInnen Schule machenBibliothekspädagogik ist eigentlich kein neues Thema. In den vergangenen Jahrzehnten wurden aus „Benutzerschulungen“ in der heutigen Zeit „bibliothekspädagogische Angebote“. Der Inhalt hat sich dem digitalen Zeitalter angepasst, die Ziele sind die gleichen geblieben: LeserInnen und NutzerInnen von Bibliotheken sollen fit gemacht werden für die (heute digitale) Wissensgesellschaft. Informationskompetenz ist eine zentrale Fertigkeit, die das Weiterkommen in unserer modernen Gesellschaft sichert. In manchen Publikationen wird Informationskompetenz als neue Basiskompetenz neben Lesen, Schreiben oder Rechnen genannt.

Die wissenschaftlichen Bibliotheken haben schon sehr viel früher die aus den USA kommenden Trends für sich erkannt und umgesetzt. Benutzerschulung, Recherchetraining usw. sind dort seit vielen Jahren feste Bestandteile des Bibliotheksangebotes.

Die öffentlichen Bibliotheken sind in den vergangenen 10-15 Jahren in ihre neue Rolle als Bildungspartnerinnen für die Schulen hineingewachsen.

Aber haben die Fortbildungsmöglichkeiten für BibliothekarInnen und MitarbeiterInnen in Bibliotheken hiermit Schritt gehalten? Alle diejenigen, die seit vielen Jahren – oder auch Jahrzehnten – im Beruf tätig sind, haben Bibliothekspädagogik nicht gelernt. Wer in Zeiten studiert hat (so wie ich), als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte bzw. gerade erst erfunden wurde, hat sich noch mit ganz anderen Themen beschäftigt. Von Preußischen Instruktionen bis hin zur endlosen Recherchen in gedruckten Bibliographien, Supplementen usw. spiegelten eine analoge Welt wieder, in der Bibliothekare noch den Schlüssel zu den Informationen in der Hand hielten.

Heute können informationskompetente NutzerInnen selbst – online – recherchieren und unser Berufsbild wandelt sich enorm.

Um für diese neuen Anforderungen gerüstet zu sein, wollen sich BibliothekarInnen mit bibliothekspädagogischen Grundlagen fit machen. Lehrkräfte studieren für ihr didaktisch-methodisches Grundwerkzeug mehrere Jahre.

Um gute bibliothekspädagogische Angebote zu machen, müssen wir keine Pädagogen oder Didaktiker werden. Wir müssen auch kein Mechaniker sein, um ein Auto fahren zu können. Trotzdem müssen wir wissen, wie man das Auto fährt, wo Scheibenwasser und Öl nachgefüllt wird, wie man Reifen wechselt und mal eine Birne austauscht. Eine gewisse Grundausbildung in pädagogischen, didaktischen und methodischen Belangen fehlt. Heutigen Studierenden werden diese Inhalte vermittelt, ergänzende, umfassende Fortbildungsangebote für langgediente BibliothekarInnen sind rar.

Die Zusatzqualifikation „Lese- und LiteraturpädagogIn“ (http://www.bundesverband-lesefoerderung.de/lese-und-literaturpaedagogik/) des Bundesverbandes für Leseförderung setzt hier an der richtigen Stelle an. Das sehr umfangreiche Konzept fordert von den TeilnehmerInnen aber einiges: Das Curriculum umfasst ca 350 Unterrichtseinheiten (UE), 250 UE Selbststudienzeiten– plus 400 UE Praxiseinheiten. Die hierfür vorgesehenen Seminare setzen eine hohe Reisetätigkeit und viel selbstständiges Engagement voraus. Eine wirklich fundierte, gute Ausbildung, die mit einer Vielzahl von Partnern realisiert wird.

Aber wie sieht es in der Praxis der kleinen und mittleren Bibliotheken aus? One-Person-Libraries, Personalmangel, Stellenkürzungen usw. erschweren ein derartiges Engagement. Heute ist vernetztes Lernen gefragt, Lernen kann raum- und zeitunabhängig stattfinden. So könnten neue Wege erarbeitet werden, die die jetzt so nötigen bibliothekspädagogischen Lehrinhalte bis in die kleinen Bibliotheken tragen.

Die Ausbildung des Bundesverbandes für Leseförderung gleicht einem Mechaniker-Lehrgang (um im Bild des Autos zu blieben), benötigt wird aber zusätzlich ein kleinerer Kurs für zwischendurch, der die wichtigsten pädagogischen und didaktischen Inhalte für den täglichen Hausgebrauch vermittelt. Eine Fortbildungsreihe mit mehreren Terminen, überschaubar, gut zu erreichen bzw. regional und vor allem mit einem zu bewältigenden Gesamtvolumen, das der Realität der kleinen und mittleren Bibliotheken angepasst ist. Organisatoren einer solchen „kleinen“ Fortbildungsreihe könnten die Fachstellen und sonstigen Anbieter für Fort- und Weiterbildung sein.

ELearning-Elemente sollten in solch einer Fortbildungsreihe eine angemessene Rolle spielen, wenn nicht sogar die zentrale Lehrmethode sein. Ein offener Online-Kurs erfüllt viele der geforderten Kriterien. Organisatoren eines MOOCs könnten die Hochschulen sein, die auch für die Ausbildung der neuen bibliothekarischen KollegInnen zuständig sind.

Sicherlich steckt in beiden Varianten (online oder offline) eine Menge Vorbereitungsarbeit, aber der Bedarf an bibliothekspädagogischer Fortbildung ist groß. Nur so können die Bibliotheken für ihre neue Rolle als Bildungspartnerin gut vorbereitet werden. Der Wandel des Berufsbildes „BibliothekarIn“ wird nicht mehr rückgängig zu machen sein. Aber angemessen fortgebildet können die Bibliotheken dem gelassen entgegen sehen.

Ergänzung:
Eine solche Weiterbildung fordern auch Bettina Harling und Bernd Schmid-Ruhe in ihrem Artikel „Die Bibliothekspädagogik in Mannheim.“ im Bibliotheksdienst 2015; 49(1):22-36: “ Nahezu ohne Lösung bleibt die mangelnde Qualifizierung der Kolleginnen und Kollegen, die ihr Studium von 10, 20 oder 30 Jahren abgschlossen haben. Qualifizierte Weiterbildungsangebote sind daher dringend notwendig. Der Bundesverband Leseförderung, der eine Weiterbildung zur Lese- und Literaturpädagogik anbietet, wird momentan von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren mit Weiterbildungsbedarf überrannt. In Nordrhein-Westfalen wird der Blended-Learning-Kurs „Experten für das Lesen“ [https://www.fh-koeln.de/weiterbildung/zertifikatskurs-lesefoerderung—experten-fuer-das-lesen-20152016_10142.php ] angeboten, der durch seine Mischung aus Präsenzveranstaltungen und moderierten Online-Phasen als berufsbegleitende Weiterbildung ein ideales Angebot darstellt. Für Beschäftigte der kommunalen Öffentlichen Bibliotheken in NRW übernimmt das Land sogar die Kursgebühr. Ein solches Angebot und die entsprechende Finanzierungsübernahme wären dringend auch für jedes Bundesland notwendig, um den hohen Bedarf decken zu können.“ Harling und Schmid-Ruhe fordern dabei auch die Weiterbildung der FAMIS und Assistenten, ebenso wie die Schulung von Ehrenamtlichen, die in den Bibliotheken tätig sind.

(Ein kleines Plädoyer, entstanden nach einer 4-tägigen Vortragsreise mit mehreren „Didaktik“-Seminaren und vielen spannenden, interessanten und bedenkenswerten Diskussionen mit den TeilnehmerInnen in Koblenz und Neustadt/ Weinstr..)

 

Über monkat

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