Heller, Christian: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre.

Heller Post-PrivacyHeller, Christian: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre. – München: Beck, 2011. – ISBN 978-3-406-62223-6

„Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?“ Trauen wir uns noch, in Zeiten der Datensammelwut von allen Seiten uns selbst als Persönlichkeit ins Internet zu bewegen? Wollen wir unsere Privatsphäre schützen oder wollen wir die Freiheit und den Nutzen, die das Netz uns bietet?

Was ist Privatsphäre eigentlich? Wie ist diese – heute als „hohes Gut“ bezeichnete – Errungenschaft denn entstanden? Und wie schlimm ist es wirklich, wenn wir uns „öffentlich“ und „transparent“ machen?

Christian Heller geht diesen Fragen in seinem Plädoyer für eine Zeit des „Post-Privacy“ nach. Er macht deutlich, dass es Privatsphäre nicht immer gab und sie nicht immer einen so hohen Schutz genossen hat. Beginnend in der Antike schildert er kurz den Wandel des „Freiraums des Einzelnen“ über die Jahrhunderte hinweg. Privatsphäre gibt dem Einzelnen Einerseits die Möglichkeit, sich als Individuum zu begreifen und zu entwickeln. Andererseits schirmt sie aber auch von den Anderen ab und verhindert Solidarisierung.

Schuld am Verlust der Privatsphäre ist aber nicht das Internet. Verantwortlich ist die Datensammelwut, die Verdatung des Menschen, die es schon in früheren Zeiten gab (man denke z.B. an die unendlichen Archive der Nationalsozialisten) und die bereits vor dem Zeitalter des Internet missbraucht worden ist. Unter diesem Blickwinkel lässt einen die Datensammelwurt heutiger Behörden, z.B. unter dem Deckmäntelchen der Terrorbekämpfung, einen Schauer über den Rücken laufen. Die Geschichte der „Urbarmachung“ der Daten ist aber auch eine Geschichte der Entwicklung des Computers, mit dessen Hilfe sich auch unzusammenhängende Daten und unglaubliche Datenmengen zu einem feinen Netz flechten lassen. Man muss nicht alles über einen Menschen wissen, vieles lässt sich aus den bereits vorhandenen Daten in bestimmten Zusammenhängen rekonstruieren.

Aber ist das immer zu unserem Nachteil? Daten können auch aus freien Stücken erfasst und gespeichert werden zur Reproduzierbarkeit unserer eigenen Wirklichkeit – zu unserem eigenen Nutzen. „Lifelogger“ und Anhänger des „quantified self“ sind sicher die skurrilsten Auswüchse der Idee, sein ganzes Leben im Internet zu posten und nachverfolgbar zu machen. Diese Menschen stellen von sich aus, alles, was in ihrem Leben geschieht ins Netz. Christian Heller selbst kommt dem in seinem PlomWiki http://www.plomlompom.de/PlomWiki/ schon recht nahe.

Die „Fesselung der Daten“ ist auch immer eine Frage der „Informationsmacht“. Post-Privacy stellt die transparente Gesellschaft in den Mittelpunkt. Totale Transparenz als Gegenentwurf zur Überwachung: Wenn alle Zugriff auf die Daten haben, dann kann keiner durch diese Daten Macht ausüben. Aber ich frage mich: Kann es eine derartige transparente Gesellschaft überhaupt geben? Wird nicht immer jemand versuchen, Macht auszuüben? Die Idee der transparenten Gesellschaft geht davon aus, dass alle Zugang zum Internet haben (technisch und intellektuell), das allein entspricht schon nicht der Realität.

Trotzdem scheinen die Vorteile der transparenten Gesellschaft, wie Heller sie beschreibt, bestechend. Internet schafft Öffentlichkeit und dadurch Solidarisierung. Wir führen auf jeden Fall bereits heute ein Leben zwischen der schwindenden Privatsphäre und der zunehmenden Transparenz – welche Richtung die Oberhand gewinnen wird, kann man noch nicht abschätzen. Christian Heller empfiehlt bis dahin einen vorsichtigen aber anerkennenden Umgang mit der Post-Privacy. Wir müssen die Werkzeuge des Internets kennenlernen, nutzen und kritisch beleuchten. Nur was man kennt, kann man auch kompetent einsetzen und ggf. Gefahren erkennen und umgehen. Heller sieht selbst, dass er die Chancen der Post-Privacy vielleicht zu positiv darstellt und Gefahren auch ausklammert. Aber ich denke, wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte: Wir können uns nicht ausschließen, aber wir müssen ja nicht gerade zu „Lifeloggern“ werden.

Infos zu Autor und Buch unter: http://www.plomlompom.de/PostPrivacyBuch/

 

Über monkat

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